Berührt

Dem BWL’er war klar: „Die kön­nen wir nicht alle auf­neh­men! Beden­ke mal die Kos­ten! Die müs­sen die  Gren­ze dicht machen und die Leu­te zurück­schi­cken!” Ich war mit mei­nen Argu­men­ten durch und ver­stumm­te.

Ich bin so froh, hier zu sein, kei­ne Angst mehr um mein Leben zu haben.”

Am nächs­ten Tag kam er zufäl­lig mit in den Got­tes­dienst. Eine Flücht­lings­frau erzähl­te ihre Geschich­te. Sie tat es in aller Offen­heit. Seit neun Mona­ten geht sie bei uns aus und ein und ver­traut uns:

Nach zwei Jahren Flucht aus Eritrea in Deutschland angekommen
Nach zwei Jah­ren Flucht aus Eri­trea in Deutsch­land ange­kom­men

Wir leb­ten in Eri­trea. Mein Vater starb als Sol­dat als ich drei Jah­re alt war. Damit mein Bru­der nicht Sol­dat wer­den muss­te, zogen wir nach Äthio­pi­en, dem Hei­mat­land mei­ner Mut­ter. Von einem Besuch bei den Ver­wand­ten kam er erst nach Jah­ren zurück. Sie hat­ten ihn fest­ge­hal­ten. Er muss­te Sol­dat sein. Als die in Äthio­pi­en mit­be­ka­men, dass er für Eri­trea gekämpft hat­te, wur­de er von der Poli­zei abge­holt. Wir haben ihn nie wie­der­ge­se­hen und waren ver­zwei­felt. Mei­ne Mut­ter floh mit mei­ner Schwes­ter und mir in den Sudan. Dann kam der Bür­ger­krieg auch dort hin. Wir wur­den bedroht, beklaut, mei­ne Schwes­ter ver­ge­wal­tigt. Da sag­te mei­ne Mut­ter: ‘Geh! Ich bin zu alt, aber du kannst es schaf­fen!’ Über zwei Jah­re dau­er­te es bis Deutsch­land. Ich bin so froh, hier zu sein, kei­ne Angst mehr um mein Leben zu haben.”

Wir geben nicht nur — wir emp­fan­gen viel”

Am Mit­tags­tisch mein­te er: „Nee, so jemand kann man nicht zurück­schi­cken! Das wäre unmensch­lich.” Ich war wie­der stumm — vor Freu­de. Zwei Wochen spä­ter rief ich ihn an.

Er: „Kann jetzt nicht. Wir sind mit Flücht­lin­gen beim Fuß­ball­spiel.”

Ich: „Wir? Du?” 

Er: „Naja, habe mich mit mei­nen Kum­pels bei einer Flücht­lings­un­ter­kunft gemel­det und gefragt, wo und wie wir hel­fen kön­nen…”

Die Begeg­nung mit den Flücht­lin­gen berührt uns im Her­zen. Wir in der Chris­tus­kir­che geben nicht nur — wir emp­fan­gen viel. Wir erle­ben das Bibel­wort: „Ich bin ein Fremd­ling gewe­sen und ihr habt mich beher­bergt.” Gott begeg­net uns in die­sen Men­schen. Das ist Weih­nach­ten — mit­ten im Jahr!

Text und Bild: Tho­mas Leß­mann, Evan­ge­lisch-metho­dis­ti­sche Chris­tus­kir­che Lübeck, Titel­bild: „The Help”, Mari­na del Cas­tell


Die­ser Arti­kel ist Teil unse­rer Kolum­ne „Du bist mir nah”. Wenn auch Sie eine Erfah­rung mit Flücht­lin­gen tei­len möch­ten oder selbst geflo­hen sind und hier davon berich­ten möch­ten, schrei­ben Sie uns. Wir freu­en uns über Ihren Bei­trag!

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